"Naturerlebnisse
gewaltiger Schönheit, Kontakt mit exotischen Kulturen, Hunger,
Durst und Entbehrung mögen wohl auf einer jahrelangen Radtour
durch Asien, Afrika und Europa die unmittelbaren Eindrücke
sein.
Doch da gibt es noch viel mehr. Nebst einer Reise durch
ferne Länder findet gleichzeitig eine Reise durch das eigene
Ich bis hin zur Selbstfindung statt.
Davon berichtet dieses Buch."
TEIL 1:
ABENTEUER, FREIHEIT UND MORGEN-
DÄMMERUNG DES INTELLEKTS
1.
KAPITEL
ffff
... Schon wieder! Das ist der Zweite platte Reifen heute.
Mutterseelenallein stehe ich in einer berauschenden Landschaft.
Manche nennen sie Kurdistan, andere Osttürkei. Man ist sich
darüber leider nicht einig. Weit und breit ist keine Menschenseele
zu sehen, nichts zu hören. Nur der kalte Wind, der brausend
über die baumlose Hochebene weht und das grüne Gras mit seinen
Böen wellenartig zu Boden drückt. Graue und schwere Regenwolken
bedecken den Himmel. Letzte Nacht hatte es heftig geregnet.
Das endlose und noch nasse Asphaltband, auf dem ich fahre,
ist der einzige Hinweis auf menschliche Zivilisation um mich
herum.
Der Schlauch ist repariert. Es geht weiter. Weiter durch den
kalten Wind. Weiter durch die einsame und stolze Landschaft.
Alle paar Stunden kreuzt mich ein Lastwagen. Wir winken uns
immer zu. "Salaam aleikum" sage ich jedes Mal, mehr zu mir
selbst. Mehr als die vier, fünf Begegnungen pro Tag gibt es
nicht. Es gilt, sich mit der Einsamkeit zu arrangieren, sonst
scheitert man daran. Schon vor Tagen begann ich mit mir selber
zu sprechen, stehe mir selber Red und Antwort.
Ein Schild taucht auf: "Dogubayazit 20 Km". Es ist nicht mehr
weit an die iranische Grenze. "Vielleicht komme ich noch heute
an." geht mir durch den Kopf. Ich gönne mir eine kurze Pause,
verschlinge hungrig ein paar trockene Feigen und bleibe einige
Minuten an der Strassenböschung im Windschatten liegen, um
die ausgelaugten Muskeln zu entspannen.
Ich schwinge mich wieder in den Sattel. Weiter geht's. Klick!
Ein feiner Ruck durchfährt das Fahrrad. Das war wohl eine
Speiche am Hinterrad. Heute scheint nicht mein Tag zu sein.
Rad ausspannen, Zahnkranz abziehen, Speiche einsetzten, Rad
wieder zentrieren. Weiter geht's durch die stille und endlose
Weite.
Ein Lastwagen kommt von hinten, überholt und ... hält ein
Stück weiter vorne an. Neben dem Anhänger stehend erwartet
mich der Fahrer und mit einem besorgten Gesichtsausdruck fragt
er mich, ob ich denn verrückt sei, allein mit einem Rad durch
die Osttürkei zu fahren. "Viel gefährlich!" sagt er in gebrochenem
Deutsch und macht dazu eine Geste des Halsabschneidens. Er
bietet mir eine Mitfahrgelegenheit an. Dankend lehne ich ab.
Den Spruch über das gefährliche Kurdistan kenne ich. Die Kurden
sind jedoch stets freundlich zu mir. Der Umstand der offenen
Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Kurdistan lässt in
den Augen vieler Türken die Kurden als böse Menschen sehen.
Doch genauso ist es leider auch unter den Kurden.
Die Kilometer vergehen nur äusserst langsam. Stunde um Stunde
kämpfe ich nun schon gegen den stürmischen Wind. "Dogubayazit
5 Km". Mehr als zehn bis zwölf Kilometer pro Stunde kann ich
unter diesen Umständen nicht zurücklegen.
Die ersten Häuser tauchen in der Ferne auf. Dogubayazit -
geschafft. Jetzt ist die Grenze wirklich nicht mehr weit entfernt.
Höchstens zwei Stunden noch. In imposanter Gestalt taucht
linker Hand der Berg Ararat auf. Man sagt, dass dort irgendwo
die Arche Noah liegt. Wer weiss? Vielleicht strandete der
alte Noah wirklich hier irgen ... ffff. Jäh werde ich aus
den Gedanken um Noah und seine Arche gerissen. Schon wieder
dieses ffff. Doch sicher sind all die platten Reifen eine
gute Geduldsübung. Schon lange lautet mein Motto: "Nicht ärgern,
nur staunen". Es bewährt sich stets von Neuem.
Soeben passierte ich das Schild "Gürbulak 15 Km". Noch etwas
mehr als eine Stunde, dann werde ich die Grenze erreichen.
Die Gegend ist nun seit Dogubayazit wieder etwas dichter bevölkert.
Zeitweilig erspähe ich weitab der Strasse kleine Nomadensiedlungen,
bestehend aus ein paar Zelten. Rasch werden sie wieder kleiner
und verschwinden hinter meinem Rücken. In Gedanken versunken
bemerke ich gar nicht, dass ich schon fast an der Grenze bin.
Ich bin ein Wenig besorgt. Es dreht sich um den Iran. Zurzeit
ist das Land im Krieg und man kann mit Sicherheit behaupten,
dass ich mich nicht auf die Durchreise freue. Zu allem Überfluss
hörte ich gestern im Radio, dass iranisches Militär Bagdad
bombardierte. Irak droht nun mit Vergeltung. Zu der Nachricht
verkündete ein US-General brüllend: "Iran will den Krieg der
Städte - und sie werden ihn kriegen!"
Die Passkontrolle ist schnell abgeschlossen. Eine ganze Seite
des Dokuments ist mit Stempeln und schwungvollen arabischen
Schriftzeichen verziert worden. Lesen von all dem kann ich
nichts. Aber es sieht hübsch aus. Nun folgt die Gepäckkontrolle.
"Haschisch, Whisky, Porno!" fragt der Beamte unfreundlich.
"No, thank you." sage ich freundlich lächelnd um die Atmosphäre
ein bisschen aufzulockern. Er fand den Witz leider nicht so
gut und wird noch unfreundlicher. Das Gepäck wird dafür nun
in einer äusserst langwierigen und grimmigen Prozedur peinlich
genau untersucht und der Pass mit noch mehr Stempeln und Eintragungen
verziert. Fertig. Ich bin, wie mir scheint, mit Verdacht entlassen.
"Maku 18 Km". Bis dorthin will ich heute noch fahren. Das
ist die Erste iranische Ortschaft auf dem Weg. Seit dem Zollposten
geht es bergab. So werde ich in weniger als einer Stunde ankommen.
Die Sonne ist am Untergehen, der Abend kündigt sich an. Die
Strasse biegt um einen Bergrücken in ein grünes Tal. Ein warmer
Wind streicht über das Land und bringt den Geruch von Pflanzen,
frischer Erde und Bäumen mit. In der Ferne taucht ein grünes
Zelt auf. Die Strasse ist abgesperrt ... Beim Näherkommen
erkenne ich einen Kontrollposten der Armee. Die Soldaten sind
bis auf die Zähne bewaffnet. Gefühle des Ungewissen kommen
auf. Einer der Soldaten hält mich an und sagt freundlich in
gutem Englisch:
"Willkommen im Iran. Wie geht es dir?"
" ... Gut, danke."
"Woher kommst du?"
"Aus der Schweiz."
"Entschuldige bitte, aber es ist unsere Pflicht deinen Pass
zu kontrollieren. Da du Gast in unserem Land bist, ist mir
das sehr unangenehm. Verzeih mir bitte."
Diese Freundlichkeit hatte ich angesichts der schwer bewaffneten
Soldaten nicht erwartet. Nicht im Geringsten. Freundlich plaudern
wir eine Weile über die Schweiz, den Iran und den Krieg. Ganz
unverblümt sagt er, dass er den Krieg hasse sowie die Kriegstreiber
in Teheran und Bagdad. Diese sollte man an die Front schicken!
"Einmal, wenn es uns besser geht, will ich dein Land besuchen."
Viel Glück Soldat, dein Wunsch möge in Erfüllung gehen. Kurz
nach dem Posten tauchen in der Ferne die ersten Lichter in
der Abenddämmerung auf, dann die ersten Häuser. Das ist Maku.
Ein Hotelzimmer ist schnell gefunden, obwohl alles arabisch
angeschrieben ist und ich keinen Buchstaben entziffern kann.
Elektrizität gibt es keine im Zimmer, doch das stört nicht.
Müde lösche ich die Kerze, lege mich auf das Bett, lasse in
Gedanken den Tag nochmals ablaufen und schlafe dabei ruhig
ein ...
TOCK TOCK TOCK
"Open the door! Police!"
Erschrocken fahre ich hoch, stolpere schlaftrunken zur Tür
und öffne sie. Eine Taschenlampe leuchtet mir mitten ins Gesicht.
Ich kann nicht erkennen, wer vor mir steht! Herzklopfen!
"Passport!" Nach kurzem Blick in das Dokument steckt er es
in seine Jackentasche.
"Control!" sagt er scharf in das Zimmer deutend.
Fünf grimmige, bewaffnete und zivil gekleidete Personen treten
in den Raum und beginnen mit meiner Einwilligung das Gepäck
zu durchsuchen. Wie schon am Zoll werden Waffen, Drogen und
Pornografie gesucht. Natürlich ohne Erfolg. Einer findet den
Kassettenrekorder.
"What this!" fragt er barsch.
"Music." antworte ich gestenreich.
Er deutet auf die Kassetten und gibt zu verstehen, dass er
das hören will. Ich schiebe eine der Kassetten in das Fach,
drücke auf "Play" und einen kurzen Moment später erhellt sich
sein grimmiges Gesicht zu einem herzlichen Lächeln. Die anderen
Vier wollen auch gleich hören was da läuft, worauf sich auch
unter ihnen Fröhlichkeit ausbreitet. Erleichtert atme ich
auf und der Chef händigt mir den Pass wieder aus.
"O.K. - good night."
"Good night." wünsche auch ich.
2.
KAPITEL
Von
"So ein Wahnsinn, mit einem Rad nach Indien zu fahren!" über
"unmöglich!" bis "finde ich super!" waren die Reaktionen Zuhause,
als ich an einem Septembertag von dort losfuhr. In der Tat,
gut vorbereitet war ich nicht, dafür aber fest entschlossen.
Die einzigen Vorbereitungen bestanden in den erforderlichen
Impfungen, dem Kauf des Fahrrads und ein paar Ersatzteilen.
Als weitere Ausrüstung hatte ich zum Beispiel sieben Bücher
dabei, fünfundzwanzig Musikkassetten und einen Kassettenrekorder.
Dafür fehlten wichtige Teile wie Regenbekleidung, ein Zelt
und ein Kocher. Es galt also noch einiges zu lernen.
Die Idee zu dieser Reise steckte schon seit der Kindheit in
meinem Kopf. Damals, ich mag vielleicht elf oder zwölf Jahre
alt gewesen sein, las ich einen Reisebericht über eine Fahrradtour
nach Indien. Ich war und blieb über die Jahre hinweg völlig
fasziniert und konnte es nicht mehr vergessen. Das wollte
ich auch erleben.
Das Fahrrad als Transportmittel finde ich geradezu ideal.
Reist man auf einem Velo, sieht man die Welt mit anderen Augen.
In öffentlichen Transportmitteln oder im Auto sitzt man immer
in einem Abteil und weil man es nicht anders gewohnt ist,
merkt man nicht, dass alles was man durchs Fenster sieht,
nichts anderes als fernsehen ist. Man ist passiver Zuschauer
und betrachtet alles durch einen Rahmen. Auf einem Rad ist
das Abteil und der Rahmen weg. Man ist allem ganz nah, mitten
drin, anstatt es nur zu betrachten. Die Landschaft, das Wetter,
die Leute und alles woran man vorbeizieht ist unmittelbar
und real. Ich kann jederzeit und überall anhalten und mir
etwas ansehen, es anfassen oder mit den Leuten sprechen, denen
ich begegne. Man erlebt alles direkt, nicht als Zuschauer
oder eingerahmt. Dadurch erlebt man intensiver und nichts
auf einer solchen Reise ist dem unmittelbaren Bewusstsein
entzogen.