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Buch -- Rad fahren und Nirwana
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Rad fahren und Nirwana
Rad fahren und Nirwana
»Eine Art Forschungs- und Reisebericht
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Euro 14,80
ISBN 3-935111-74-6

"Naturerlebnisse gewaltiger Schönheit, Kontakt mit exotischen Kulturen, Hunger, Durst und Entbehrung mögen wohl auf einer jahrelangen Radtour durch Asien, Afrika und Europa die unmittelbaren Eindrücke sein.

Doch da gibt es noch viel mehr. Nebst einer Reise durch ferne Länder findet gleichzeitig eine Reise durch das eigene Ich bis hin zur Selbstfindung statt.

Davon berichtet dieses Buch."



TEIL 1:
ABENTEUER, FREIHEIT UND MORGEN-
DÄMMERUNG DES INTELLEKTS

1. KAPITEL
ffff ... Schon wieder! Das ist der Zweite platte Reifen heute. Mutterseelenallein stehe ich in einer berauschenden Landschaft. Manche nennen sie Kurdistan, andere Osttürkei. Man ist sich darüber leider nicht einig. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen, nichts zu hören. Nur der kalte Wind, der brausend über die baumlose Hochebene weht und das grüne Gras mit seinen Böen wellenartig zu Boden drückt. Graue und schwere Regenwolken bedecken den Himmel. Letzte Nacht hatte es heftig geregnet. Das endlose und noch nasse Asphaltband, auf dem ich fahre, ist der einzige Hinweis auf menschliche Zivilisation um mich herum.

Der Schlauch ist repariert. Es geht weiter. Weiter durch den kalten Wind. Weiter durch die einsame und stolze Landschaft. Alle paar Stunden kreuzt mich ein Lastwagen. Wir winken uns immer zu. "Salaam aleikum" sage ich jedes Mal, mehr zu mir selbst. Mehr als die vier, fünf Begegnungen pro Tag gibt es nicht. Es gilt, sich mit der Einsamkeit zu arrangieren, sonst scheitert man daran. Schon vor Tagen begann ich mit mir selber zu sprechen, stehe mir selber Red und Antwort.

Ein Schild taucht auf: "Dogubayazit 20 Km". Es ist nicht mehr weit an die iranische Grenze. "Vielleicht komme ich noch heute an." geht mir durch den Kopf. Ich gönne mir eine kurze Pause, verschlinge hungrig ein paar trockene Feigen und bleibe einige Minuten an der Strassenböschung im Windschatten liegen, um die ausgelaugten Muskeln zu entspannen.

Ich schwinge mich wieder in den Sattel. Weiter geht's. Klick! Ein feiner Ruck durchfährt das Fahrrad. Das war wohl eine Speiche am Hinterrad. Heute scheint nicht mein Tag zu sein. Rad ausspannen, Zahnkranz abziehen, Speiche einsetzten, Rad wieder zentrieren. Weiter geht's durch die stille und endlose Weite.

Ein Lastwagen kommt von hinten, überholt und ... hält ein Stück weiter vorne an. Neben dem Anhänger stehend erwartet mich der Fahrer und mit einem besorgten Gesichtsausdruck fragt er mich, ob ich denn verrückt sei, allein mit einem Rad durch die Osttürkei zu fahren. "Viel gefährlich!" sagt er in gebrochenem Deutsch und macht dazu eine Geste des Halsabschneidens. Er bietet mir eine Mitfahrgelegenheit an. Dankend lehne ich ab. Den Spruch über das gefährliche Kurdistan kenne ich. Die Kurden sind jedoch stets freundlich zu mir. Der Umstand der offenen Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Kurdistan lässt in den Augen vieler Türken die Kurden als böse Menschen sehen. Doch genauso ist es leider auch unter den Kurden.

Die Kilometer vergehen nur äusserst langsam. Stunde um Stunde kämpfe ich nun schon gegen den stürmischen Wind. "Dogubayazit 5 Km". Mehr als zehn bis zwölf Kilometer pro Stunde kann ich unter diesen Umständen nicht zurücklegen.

Die ersten Häuser tauchen in der Ferne auf. Dogubayazit - geschafft. Jetzt ist die Grenze wirklich nicht mehr weit entfernt. Höchstens zwei Stunden noch. In imposanter Gestalt taucht linker Hand der Berg Ararat auf. Man sagt, dass dort irgendwo die Arche Noah liegt. Wer weiss? Vielleicht strandete der alte Noah wirklich hier irgen ... ffff. Jäh werde ich aus den Gedanken um Noah und seine Arche gerissen. Schon wieder dieses ffff. Doch sicher sind all die platten Reifen eine gute Geduldsübung. Schon lange lautet mein Motto: "Nicht ärgern, nur staunen". Es bewährt sich stets von Neuem.

Soeben passierte ich das Schild "Gürbulak 15 Km". Noch etwas mehr als eine Stunde, dann werde ich die Grenze erreichen. Die Gegend ist nun seit Dogubayazit wieder etwas dichter bevölkert. Zeitweilig erspähe ich weitab der Strasse kleine Nomadensiedlungen, bestehend aus ein paar Zelten. Rasch werden sie wieder kleiner und verschwinden hinter meinem Rücken. In Gedanken versunken bemerke ich gar nicht, dass ich schon fast an der Grenze bin. Ich bin ein Wenig besorgt. Es dreht sich um den Iran. Zurzeit ist das Land im Krieg und man kann mit Sicherheit behaupten, dass ich mich nicht auf die Durchreise freue. Zu allem Überfluss hörte ich gestern im Radio, dass iranisches Militär Bagdad bombardierte. Irak droht nun mit Vergeltung. Zu der Nachricht verkündete ein US-General brüllend: "Iran will den Krieg der Städte - und sie werden ihn kriegen!"

Die Passkontrolle ist schnell abgeschlossen. Eine ganze Seite des Dokuments ist mit Stempeln und schwungvollen arabischen Schriftzeichen verziert worden. Lesen von all dem kann ich nichts. Aber es sieht hübsch aus. Nun folgt die Gepäckkontrolle.
"Haschisch, Whisky, Porno!" fragt der Beamte unfreundlich.
"No, thank you." sage ich freundlich lächelnd um die Atmosphäre ein bisschen aufzulockern. Er fand den Witz leider nicht so gut und wird noch unfreundlicher. Das Gepäck wird dafür nun in einer äusserst langwierigen und grimmigen Prozedur peinlich genau untersucht und der Pass mit noch mehr Stempeln und Eintragungen verziert. Fertig. Ich bin, wie mir scheint, mit Verdacht entlassen.

"Maku 18 Km". Bis dorthin will ich heute noch fahren. Das ist die Erste iranische Ortschaft auf dem Weg. Seit dem Zollposten geht es bergab. So werde ich in weniger als einer Stunde ankommen. Die Sonne ist am Untergehen, der Abend kündigt sich an. Die Strasse biegt um einen Bergrücken in ein grünes Tal. Ein warmer Wind streicht über das Land und bringt den Geruch von Pflanzen, frischer Erde und Bäumen mit. In der Ferne taucht ein grünes Zelt auf. Die Strasse ist abgesperrt ... Beim Näherkommen erkenne ich einen Kontrollposten der Armee. Die Soldaten sind bis auf die Zähne bewaffnet. Gefühle des Ungewissen kommen auf. Einer der Soldaten hält mich an und sagt freundlich in gutem Englisch:
"Willkommen im Iran. Wie geht es dir?"
" ... Gut, danke."
"Woher kommst du?"
"Aus der Schweiz."
"Entschuldige bitte, aber es ist unsere Pflicht deinen Pass zu kontrollieren. Da du Gast in unserem Land bist, ist mir das sehr unangenehm. Verzeih mir bitte."
Diese Freundlichkeit hatte ich angesichts der schwer bewaffneten Soldaten nicht erwartet. Nicht im Geringsten. Freundlich plaudern wir eine Weile über die Schweiz, den Iran und den Krieg. Ganz unverblümt sagt er, dass er den Krieg hasse sowie die Kriegstreiber in Teheran und Bagdad. Diese sollte man an die Front schicken!
"Einmal, wenn es uns besser geht, will ich dein Land besuchen."
Viel Glück Soldat, dein Wunsch möge in Erfüllung gehen. Kurz nach dem Posten tauchen in der Ferne die ersten Lichter in der Abenddämmerung auf, dann die ersten Häuser. Das ist Maku. Ein Hotelzimmer ist schnell gefunden, obwohl alles arabisch angeschrieben ist und ich keinen Buchstaben entziffern kann. Elektrizität gibt es keine im Zimmer, doch das stört nicht. Müde lösche ich die Kerze, lege mich auf das Bett, lasse in Gedanken den Tag nochmals ablaufen und schlafe dabei ruhig ein ...

TOCK TOCK TOCK
"Open the door! Police!"
Erschrocken fahre ich hoch, stolpere schlaftrunken zur Tür und öffne sie. Eine Taschenlampe leuchtet mir mitten ins Gesicht. Ich kann nicht erkennen, wer vor mir steht! Herzklopfen!
"Passport!" Nach kurzem Blick in das Dokument steckt er es in seine Jackentasche.
"Control!" sagt er scharf in das Zimmer deutend.
Fünf grimmige, bewaffnete und zivil gekleidete Personen treten in den Raum und beginnen mit meiner Einwilligung das Gepäck zu durchsuchen. Wie schon am Zoll werden Waffen, Drogen und Pornografie gesucht. Natürlich ohne Erfolg. Einer findet den Kassettenrekorder.
"What this!" fragt er barsch.
"Music." antworte ich gestenreich.
Er deutet auf die Kassetten und gibt zu verstehen, dass er das hören will. Ich schiebe eine der Kassetten in das Fach, drücke auf "Play" und einen kurzen Moment später erhellt sich sein grimmiges Gesicht zu einem herzlichen Lächeln. Die anderen Vier wollen auch gleich hören was da läuft, worauf sich auch unter ihnen Fröhlichkeit ausbreitet. Erleichtert atme ich auf und der Chef händigt mir den Pass wieder aus.
"O.K. - good night."
"Good night." wünsche auch ich.
2. KAPITEL
Von "So ein Wahnsinn, mit einem Rad nach Indien zu fahren!" über "unmöglich!" bis "finde ich super!" waren die Reaktionen Zuhause, als ich an einem Septembertag von dort losfuhr. In der Tat, gut vorbereitet war ich nicht, dafür aber fest entschlossen. Die einzigen Vorbereitungen bestanden in den erforderlichen Impfungen, dem Kauf des Fahrrads und ein paar Ersatzteilen. Als weitere Ausrüstung hatte ich zum Beispiel sieben Bücher dabei, fünfundzwanzig Musikkassetten und einen Kassettenrekorder. Dafür fehlten wichtige Teile wie Regenbekleidung, ein Zelt und ein Kocher. Es galt also noch einiges zu lernen.

Die Idee zu dieser Reise steckte schon seit der Kindheit in meinem Kopf. Damals, ich mag vielleicht elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein, las ich einen Reisebericht über eine Fahrradtour nach Indien. Ich war und blieb über die Jahre hinweg völlig fasziniert und konnte es nicht mehr vergessen. Das wollte ich auch erleben.

Das Fahrrad als Transportmittel finde ich geradezu ideal. Reist man auf einem Velo, sieht man die Welt mit anderen Augen. In öffentlichen Transportmitteln oder im Auto sitzt man immer in einem Abteil und weil man es nicht anders gewohnt ist, merkt man nicht, dass alles was man durchs Fenster sieht, nichts anderes als fernsehen ist. Man ist passiver Zuschauer und betrachtet alles durch einen Rahmen. Auf einem Rad ist das Abteil und der Rahmen weg. Man ist allem ganz nah, mitten drin, anstatt es nur zu betrachten. Die Landschaft, das Wetter, die Leute und alles woran man vorbeizieht ist unmittelbar und real. Ich kann jederzeit und überall anhalten und mir etwas ansehen, es anfassen oder mit den Leuten sprechen, denen ich begegne. Man erlebt alles direkt, nicht als Zuschauer oder eingerahmt. Dadurch erlebt man intensiver und nichts auf einer solchen Reise ist dem unmittelbaren Bewusstsein entzogen.

Fortsetzung im Buch