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Buch -- Rad fahren und Nirwana
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Total relax, Thailand

Allein auf der Hasenmatt, einem hohen Berggipfel über unserem Dorf, auf dem Rücken liegend, betrachte ich den klaren, wolkenlosen Sternenhimmel in der fortgeschrittenen, dunkelblauen, kühlen Abenddämmerung des Spätsommers. Weit zieht sich die funkelnde, brillierende Milchstrasse über das ganze Firmament von einem Horizont zum anderen. "Wie gross und weit ist doch der Weltenraum, in seiner ganzen Herrlichkeit erscheint er wie ein Traum. Viele drängende Fragen sind dort draussen verborgen, die uns plagen und sorgen. Sind wir als Menschen allein? Gibt's da draussen noch einen anderen solchen Verein?" fliesst mir mit einem Mal durch den Kopf. Eine grosse Frage! Seit Menschengedenken quält sie die hellsten und intelligentesten Köpfe des Menschengeschlechts. Die Antwort darauf käme aus der Quelle der Weisheit, aus der Quelle der wahren Gesetze, die ich noch immer verletze - möge mir armen Wanderer doch diese höchste Weisheit zuteil, möge ich doch finden dieses allerhöchste Seelenheil!
Unweit, ein paar Meter entfernt nur, hat sich ein Spatz in einer verwitterten, verknorzten, alten und geduckten Föhre zur Nachtruhe niedergelassen; sein Gefieder aufgeplustert, um der Kühle zu trotzen, mustert er mich mit einem Auge nur, halb ängstlich und neugierig zugleich, etwas unruhig von einem Beinchen auf das andere tretend. "Weißt Du eine Antwort?" frage ich ihn. "Ihr Vögel seid doch weise." "Ach ihr Menschen!" sagt er nun plötzlich stillstehend, enttäuscht und ohne den Schnabel auch nur einen halben Pieps weit aufzutun. "Seit Tagen beobachten dich die Krähen dort unten im Tal, die wissen worum es geht, ich bin vorgewarnt. Meinst wohl wir gäben unser geheimes Wissen einfach so preis? Nein, nein, so einfach geht das nicht!" Während er noch die letzten Worte ausspricht, kommt ein zweiter Spatz angeflogen, setzt sich in dieselbe alte, verknorzte Föhre und meint altbacken zum anderen: "Sag dem Kerl nichts, das ist ein ganz gerissener Hund, der wird später alles gegen uns verwenden." "Geh und frag doch die Schweine!" ruft mir der eine noch in einem höhnischen Heiterkeitsausbruch nach, während ich aufstehe und mich durch die Dunkelheit auf den Nachhauseweg mache. Noch lange höre ich während des Abstiegs die beiden doofen Spatzen auf dem Gipfel sich kringeln vor ihrem blöden Piepsgelächter. Da blieb kein Auge trocken. Ich hätte es ja wissen müssen: Spatzen!


Verschlafen reibe ich mir die Augen - ich hatte geträumt; ein erschreckender Traum! Das Märchenland ... wie war das schon wieder? ... Ja, das Märchenland - es ist am sterben! ... Sie hatten mir’s alle gesagt, bald gibt es das Märchenland nicht mehr! Alle werden sie bald tot sein! Schneewittchen mit seinen Zwergen, Rotkäppchen und der Wolf, das tapfere Scheiderlein, Aschenputtel, der Hase und der Igel - alle werden bald sterben! Was hatte ich da bloss geträumt?! Verrückte Sache! Müde drehe ich mich um und schlafe weiter- es ist ja noch fast mitten in der Nacht.

Schon geht der Traum weiter: Schwerelos schwebe ich über einer Frühlingswiese himmelwärts, höher und höher, den Wolken entgegen, durch sie hindurch und plötzlich stehe ich vor einen grossen, wolkigen Tor. Überschrift: Das Märchenland. Und wer kommt da angerannt..? Es ist der gestiefelte Kater! Hastig kommt er zu mir und berichtet keuchend und japsend, dass Schneewittchen spurlos verschwunden sei, samt Hütte, Zwergen und der bösen Königin. Auch der Wolf und die sieben Geisslein seien nirgends mehr aufzufinden. Spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, wie im Nichts aufgelöst. Tagtäglich verschwänden andere Märchenfiguren, erzählt mir der Kater, heute Schneewittchen und alle anderen, gestern Aschenputtel, das Schneiderlein und der Froschkönig samt Prinzessin und Schloss. „Bitte hilf uns!“ fleht der Kater mit seinen Reitstiefeln und seinem Federhut. „Ja sicher, gerne, aber wie denn?“ entgegne ich. „Ich weiss auch keinen Rat, aber Du bist unsere einzige Hoffnung. Bitte!“ Nun gut, die Sache scheint ja wirklich ernst zu sein. So stimme ich der Bitte des Katers zu und beginne mit seiner Hilfe mit den ersten Untersuchungen. Laut seinen Aussagen verschwinden auch Teile des Märchenlands, wo anscheinend vor einigen Tagen noch ein Schloss oder ein Wald war, ist heute nur noch nichts. Ich kann das nur schwer glauben und lasse mir die betreffenden Stellen vom Kater zeigen. Tatsächlich. Nichts! Der Wald, die Hütte - alles was Schneewittchen gehörte ist weg, verschwunden - und nicht nur einfach nicht mehr dort, nein, es hat sich an dieser Stelle ein übles Nichts breitgemacht. Auch das Schloss des Froschkönigs. Es ist weg und an seiner Stelle pures Nichts! (Wobei im Märchenland um den Froschkönig und seine Prinzessin verschiedene Gerüchte kursieren. Man sagt, dass ihre Ehe nicht eine glückliche war und dass er sie verlassen hatte. Doch das würde lediglich ein verlassenes Schloss erklären, jedoch niemals ein Nichts!) Die Sache ist mir ein Rätsel. Da kommt jemand angerannt ... es ist Hänsel. Keuchend berichtet er, dass die Gretel verschwunden sei, er könne sie nicht mehr finden, und an der Stelle wo früher das Haus der bösen Hexe stand, klaffe nun ein verheerendes Nichts und breite sich langsam aber sicher aus.
Mit einem Schreck wache ich auf! Das Märchenland! Es stirbt! Ach Quatsch ... ich bin doch ein erwachsener Mann. Ich gehe in die Küche, trinke etwas Wasser, lege mich wieder hin und schlafe kurz darauf erneut ein.

Schon bin ich wieder im wolkigen Märchenland und spreche nun mit König Drosselbart. Er wirkt ruhig und gelassen und erzählt mir ohne Angst und Hast vom grossen Nichts, das seit kurzem im ganzen Land um sich greift und alles verschlingt. „Junger Mann,“ sagt er mir, „Sie müssen uns helfen. Sie sind unsere einzige Hoffnung. Früher kamen viele Menschen in ihren Träumen zu uns hierher, doch seit längerer Zeit sind Sie der einzige, es ist einfach niemand mehr gekommen. Nicht einmal mehr die kleinen Kinder kommen in ihren Träumen zu uns, weiss Gott von was die träumen!? Haben Sie eine Ahnung woran das liegt?“ „Nun ... das ist schwer zu sagen.“ antworte ich Gedanken suchend, „Offenbar ist ja das Märchenland ein Traumland, eine Phantasie, nicht real ...“ „Haben Sie eine Ahnung!“ protestiert König Drosselbart, „Nicht real! Ha, dass ich nicht lache! Wie können Sie bloss sagen, dass Träume und Phantasien keine Realitäten sind. Und was machen wir hier, mein Lieber?! Offenbar träumen Sie und trotzdem sprechen wir miteinander. Was ist denn das? Etwa nicht real?! Und wenn Sie träumen, haben Sie da nicht manchmal Angst oder Freude? Ist denn Freude und Angst etwa nicht real? Sie sind mir noch einer!“ Ich bin verlegen ab seiner Schelte, doch er hat recht. Träume sind wirklich real, und somit muss auch dieses Märchenland real sein - das ist die logische Schlussfolgerung. „Sehen Sie,“ fährt nun König Drosselbart mit seiner Rede fort, „ich will Ihnen offen über meinen Verdacht erzählen. Ich habe in meinen Nachtträumen, in denen ich in die Menschenwelt gehe, furchtbares gesehen. Den kleinen Kindern erzählt man heutzutage, wie Sie sicher auch wissen, keine Märchen mehr, man lässt sie fernsehen. Das dumme daran ist, dass die Kinder dadurch keine Phantasie mehr haben und in ihren Träumen die Fernsehhelden besuchen - wodurch wir leer ausgehen und schlimmer noch: uns aufzulösen scheinen!“ „Das muss es ein, König Drosselbart, Sie haben recht. Ich kann Ihnen nun, da ich das weiss, vielleicht sogar helfen. Sehen Sie, ich glaube, dass ich nicht einfach nur so zu Ihnen ins Märchenland gekommen bin sondern dass das einen tieferen Grund hat. Zufälligerweise schreibe ich nämlich Geschichten und das könnte Ihre Rettung sein. Gleich Morgen früh, wenn ich aufwache, werde ich mich an den Computer setzen und eine Geschichte über Sie und das Märchenland schreiben, die dann, so hoffe ich, von Menschen gelesen wird, die noch ein bisschen der Phantasie fähig sind. Auf diesem Weg kommen dann vielleicht wieder ein paar Menschen mehr in ihr Traumreich - bleibt nur zu hoffen, dass ich die Geschichte verkaufen oder verschenken kann.“

Nun, liebe Leserin, lieber Leser, ihr habt es gelesen: Das Märchenland ist in Gefahr. Wenn ihr nicht bald mal wieder in eurer Phantasie umherschwebt, wird das wolkige Reich der Hexen, Zwerge, Könige, Prinzessinnen und all den andern von diesem üblen und allesfressenden Nichts verschlungen - womit auch wir vieles verlieren würden!

Ich war vielleicht acht oder neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal von der heiligen Stadt vernahm, einer Stadt, in der alle nach den Gesetzen unserer Heiligen Schriften leben sollen. In diesem Alter kümmerte mich dies jedoch noch nicht zu sehr, hatte ich doch noch ganz andere Interessen. Im Sommer beobachtete ich in jeder freien Stunde die Schmetterlinge am Bach neben unserem Haus, auch den herrlichen Gesängen der Vögel lauschte ich stundenlang und vergass dabei oft die Hausaufgaben der Schule zu erledigen und manchmal kam ich sogar zu spät zum Nachtessen nach Hause, was dann jeweils mit einer Schelte abgegolten wurde.

Unser Dorf war klein, eingebettet zwischen zwei Bergketten in einem friedlichen, beschaulichen Tal. Ich erinnere mich nicht wie viele Einwohner es hatte, es dürften nicht allzu viele gewesen sein, jedoch hatten wir alles, was wir in unserem alltäglichen Leben brauchten zur Hand: Es gab einen Müller, einen Bäcker, verschiedene Bauern mit stattlichen Gehöften, einen Metzger (den ich seines Berufs wegen nie mochte, ja sogar verachtete), einen Schuhmacher, einen Schneider, auch gab es da einen Schreiner, einen Wirt, einen Pfarrer samt Kirche und sogar einen Dichter. Den Dichter mochte eigentlich niemand, denn er sprach fast nie mit den Leuten, ausser wenn er beim Bäcker Dubach einkaufte, doch auch dort gab er sich äusserst zugeknöpft und man sagte, dass er bei den Dubachs eine grössere Schuld habe. Zu seinem Glück hatte der Bäcker ein grosses Herz und war zudem angetan von der Poesie, wodurch des öfters Brot, Reis und Gemüse den Besitzer für ein paar Verse wechselten. Ich selber hatte schon von klein auf ein besonderes Verhältnis zum Dichter, seine Aura, sein zuweilen mürrisch erscheinendes Schweigen faszinierten und ängstigten mich gleichermassen, und oft fand ich ihn draussen im Wald oder auf den Feldern, wo er mit den Bäumen, Blumen und Tieren sprach und sich dabei Notizen auf ein zerknittertes Stück Papier machte. Ich fühlte mich mit ihm verbunden, wir hatten etwas wesenverwandtes, denn auch ich sprach oft mit den Tieren und Pflanzen denen ich begegnete.

Als ich also damals von der heiligen Stadt zum ersten Mal vernahm, wurde mir gewahr, dass fast das ganze Dorf immer wieder davon sprach, einige mit glühendem Eifer während andere die Stadt als einen Mythos abtaten. Bloss, so viel bemerkte ich mit der Zeit, der Metzger und der Dichter sprachen nie darüber. Beim Metzger erstaunte mich das nicht weiter, wie sollte er auch über etwas heiliges sprechen können, wenn er nichts als unschuldige Tiere tötete? Doch der Dichter... Er sollte doch genügend sensibel sein, um sich über solche Themen Gedanken zu machen. Als ich ihn einmal, ein paar Jahre später draussen in den Feldern unter einem Baum sitzen sah, wollte ich ihn darauf ansprechen, ihn fragen, was er von der heiligen Stadt halte, warum er nicht darüber spreche, doch brachte ich den Mut dazu nicht auf und beliess es dabei.

Mehrere Jahre vergingen, ich wuchs zu einem jungen Mann heran und konnte schon einiges an Lebenserfahrung vorweisen. So hatte ich in unserer Weinschenke schon mal die berauschende Wirkung des Alkohols geschmeckt, hatte Mathilde, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, Tochter des Müllers, auf den Mund geküsst und durfte nun Abends, nach erledigter Arbeit, auf dem Dorfplatz bei den Erwachsenen sitzen und ihren Gesprächen zuhören. Doch all das interessierte mich nicht sehr, weder dem Alkohol noch den Mädchen noch der Welt der Erwachsenen war ich zugetan, ich interessierte mich zunehmend für das alte Thema in unserem Dorf: Die heilige Stadt. Je mehr ich darüber in Erfahrung bringen konnte, desto stärker entflammte in mir der Wunsch diese mystische Stadt kennen zu lernen, sie und ihre Bewohner zu sehen, mit ihnen im Einverständnis der Heiligen Schrift zu leben. Doch obwohl die Stadt das alltägliche Gesprächsthema war, konnte niemand genauere Angaben machen, weder warum sie überhaupt so heilig sei noch wo sie sich befände. Einige meinten sie liege im Süden, hinter unseren Bergen, während andere behaupteten, sie liege weit, weit im Westen und man müsse viele fremde Länder durchwandern um dorthin zu kommen. Da mir offenbar niemand schlüssig Auskunft über einen möglichen Reiseweg geben konnte, wandte ich mich als letzte Instanz an unseren Pfarrer, der mir, so meine Hoffnung, mehr über die Stadt sagen könnte. Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Er sammelte seit vielen Jahren die in unserem Dorf kursierenden Gerüchte und meinte daraus sagen zu können, dass die Heilige Stadt tatsächlich irgendwo existiere, irgendwo in einem fremden, unbekannten Land, vielleicht sogar hinter einem der Weltmeere oder auf einem Gipfel der höchsten Berge unserer Welt. Vielleicht sei sie jedoch göttlich und würde so einzig irgendwo in himmlischen Gefilden existieren, unerreichbar für uns weltliche Kreaturen. Sicher jedoch sei, dass sie goldene Tore und Türme besitze und ihre Bewohner in Eintracht und Frieden lebten.

Da offenbar nicht mehr Informationen zu finden waren, beschloss ich, mich auf den Weg zu machen und zwar in Richtung Westen, so wie es unser Pfarrer empfahl. Er selber wäre am liebsten mitgekommen, doch, wie er sagte, sei es seine Pflicht auf das Dorf aufzupassen, was ihn selbstverständlich binde. Doch gab er mir den Auftrag alles genauestens aufzuschreiben, aufzuzeichnen und ihm darüber brieflich zu berichten. Meinen Eltern sagte ich nichts von meinem spontanen Entschluss, ich schlich mich nachts in die Küche, stahl einen Laib Brot, ein Stück Käse und verliess Heim und Herd, liess zurück meinen gesamten Besitz, mein Zimmer, Eltern und Geschwister. Viele Sommer und Winter wanderte ich durch unbekannte Landschaften, erlitt Hunger und Durst, verdingte mich oft an Bauern, um etwas essbares als Lohn zu erhalten. Die Sommer waren stets angenehm und ich schlief oft in den Wäldern und Feldern, hatte stets genug zu essen; doch die Winter waren hart und überall lauerte der Tod. Schlief man in der freien Natur, lief man Gefahr zu erfrieren und überdies war das Nahrungsangebot äusserst karg, es gab keine Früchte und die Felder lagen brach. Doch die Gerüchte über die heilige Stadt kursierten fast in allen Dörfern und Städten, die ich durchquerte. Das Gerücht, dass sich die Heilige Stadt im Westen befinde, hörte ich fast überall, einige Leute schickten mich jedoch auch in andere Richtungen, einige sogar dorthin, woher ich kam. Da sich jedoch das Gerücht über die westliche Lage der Stadt in der Mehrheit hielt, folgte ich stets der untergehenden Sonne, viele Monate, viele Sommer und viele Winter. Ich weiss nicht mehr wie viele Jahre ich auf Wanderschaft war, als ich in eine Gegend kam, in der die Leute endlich genauere Angaben über die gesuchte Stadt machen konnten, und schliesslich wurde mir von verschiedenen Personen der genaue Weg dorthin erklärt. Ich schien es geschafft zu haben, ich war nur noch einige Tagesreisen vom langersehnten Ziel entfernt.

Es war an einem bewölkten, kalten Herbsttag, einem von jenen Tagen, an dem man sich bereits fragt, wo man den Winter verbringen wird, als ich auf einer schlechten Strasse über einen Hügelkamm kam und sich die Sicht in das dahinterliegende Tal eröffnete... da lag sie: Die Heilige Stadt! - Doch hatte sie weder goldene Tore noch solche Türme, Tore hatte sie wohl aber Türme keine, aus den Schornsteinen der strohbedeckten Dächer qualmte dicker Rauch. Es war eine kleine, unscheinbare Stadt, die fast ein wenig schäbig wirkte, ein wenig ungepflegt. Auch schien man Fremde nicht zu mögen, denn die Tore der Stadtmauern waren fest verriegelt. Mit gemischten Gefühlen trat ich an eines der Portale und klopfte an... ein älterer Mann, dem ein Auge und eine Hand fehlten, öffnete das knarrende Tor einen Spaltbreit...
"Was willst du, Fremder?" fragte er barsch.
"Ist das die Heilige Stadt?"
"Ja, so ist es! Doch sag nun, was willst du hier?!"
"Ich möchte mit euch im Einverständnis der Heiligen Schrift leben."
Nun öffnete er das Tor ganz, liess mich eintreten und führte auf den nächstgelegenen Platz, wo ein Grossteil der Einwohner versammelt war. Welch Überraschung! Allen fehlte das rechte Auge und die rechte Hand! Ich erschrak und begann nun zu zweifeln, ob ich wirklich in der langgesuchten und berühmten Heiligen Stadt sei oder nicht und fragte deshalb:
"Sagt, verehrte Leute, ist das wirklich die Heilige Stadt, wo die Leute im Einklang mit unseren Heiligen Schriften leben?"
"Ja! Das ist sie!" antworteten alle.
"Was für ein schreckliches Unglück ist euch denn widerfahren, dass euch allen das rechte Auge und die rechte Hand fehlen?"
Es schien als ob sie ab meiner Dummheit staunten, worauf sie untereinander kurz etwas besprachen. Danach ergriff einer das Wort und hiess mich ihm zu folgen, damit ich selber sehe. Sie führten mich zu ihrer Kirche im Stadtzentrum wo zu meinem Erschrecken unzählige ausgerissene Augen und abgeschlagene Hände herumlagen, viele schon halb verfault.
"Oh mein Gott!" rief ich, "Welcher schreckliche Kriegsherr hat euch das angetan?!"
Nun entstand unter ihnen ein lautes Gejammer, ein Gejammer über mein Unverständnis. Einer der Ältesten trat an mich heran und sprach zu meinem Erstaunen:
"Wir selber haben das gemacht! Gott verwandelte uns in Kriegsherren gegen das Böse in uns!"
Dann führte er mich, gefolgt von allen anderen, in das Innere ihrer Kirche zum Altar, wo er mich bat niederzuknien und eine eingemeisselte Inschrift zu lesen: Wenn deine Hand etwas tut, das dich von Gott trennt, dann haue sie ab und wirf sie weg. Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das ewige Leben zu gehen, als mit beiden Händen und beiden Füssen in der ewigen Verzweiflung zu enden. Und wenn dein Auge dich verleitet, dich von Gott abzuwenden, dann reiss es aus und wirf es weg. Es ist besser für dich, einäugig in das ewige Leben zu gehen, als mit beiden Augen zu höllischer Qual verurteilt zu werden.


(Frei nach dem Samannaphala-Sutta)
Noch lange vor unserer Zeit regierte in Indien ein König, ein Maharaja namens Ajatasattu, der beim Volk nicht sonders bliebt war, weil er ein finsteres Gemüt besass und sich mancher Sünde schuldig machte. Er war sich des Zustands seines Gemüts durchaus bewusst und ihn verlangte nach Befreiung von den Gedanken, die ihn quälten, und so beschloss er seine Minister nach einem Heiligen zu befragen, einem Heiligen, der sein dunkles Gemüt zur Ruhe bringen konnte. Den Umstand, dass am selben Tag eine wichtige Feier begangen wurde (es war die letzte Vollmondnacht der Regenzeit), wollte er zu eben diesem Zweck ausnutzen. So rief er seine Minister auf das Dach seines Palastes (von wo er den aufgehenden Mond betrachtete) und sprach zu ihnen:
"Erfreulich und prachtvoll ist die heutige Nacht, herrlich und lieblich erscheint sie mir. Mir dürstet nach Ruhe in meinem Gemüt, und so frage ich euch welchem Mönch oder Priester wir heute Nacht Verehrung darbringen wollen, auf dass er unsere Gemüter zur Ruhe kommen lasse?"

Von einem der Minister wurde ihm Purana Kassapa vorgeschlagen, der Lehrer einer grossen Anhängerschar war und unter den Menschen als Wegbereiter verehrt wurde. Ein weiterer Minister schlug ihm Makkhali Gosala vor, ebenfalls ein Wegbereiter und Lehrer mit grosser Anhängerschar. Wie beim ersten Vorschlag blieb der Grosskönig auch bei diesem schweigsam. Auch Ajita Kesakambala, Pakudha Kaccayana, Sanjaya Belatthiputta und Nigantha Nataputta, allesamt grosse Lehrer und Wegbereiter, wurden ihm vorgeschlagen, doch blieb er stets ohne Begeisterung und gab seinen Ministern keine Antworten. Eben zu dieser Zeit hatte sich der Hofarzt Jivaka unweit des Königs Ajatasattu schweigend niedergelassen und wurde nun von diesem angesprochen:
"Du aber, lieber Jivaka, warum bist Du so schweigsam?"

"Im Mangohain meiner Familie hat sich mit meiner Erlaubnis ein bekannter und vom Volk hochverehrter Bettelmönch mit seiner überaus grossen Anhängerschar niedergelassen. Über diesen erhabenen Bettelmönch, dessen Name Gotama ist und der aus dem Geschlecht der Sakyas abstammt, hat sich ein unglaublicher Ruhmesruf erhoben. So erzählt man sich, dass er heilig, erhaben und vollkommen erwacht sei. Ein mit Wissen und rechtem Wandel Ausgestatteter, Meister der Götter und Menschen wird er genannt sowie der Erwachte und Erhabene. Diesem Bettelmönch möget ihr doch Verehrung darbringen, denn sehr wohl könnte er Euer Gemüt zur Ruhe kommen lassen."

"Dann also, lieber Jivaka, lass Elefanten, Fakelträger und Fahrzeuge bereitstellen. Wir wollen diesen Erhabenen um Rat fragen."
"So sei es, o Herr!" antwortete der Hofarzt ergeben, liess fünfhundert Elefantenweibchen und den Staatselefanten des Königs bereitstellen und meldete, dass alles bereit zur Abreise sei. Darauf liess der König auf die fünfhundert Elefantenweibchen je eine seiner Frauen steigen, bestieg den für ihn bestimmten Staatselefanten und während ihm die Fakelträger den Weg leuchteten zog er aus seinem Palast mit grossem königlichem Pomp hinaus in den Mangohain. Unweit des Mangohains jedoch überkam den König Angst, denn er fürchtete, da er beim Volk nicht beliebt war, Verrat durch seinen Hofarzt. Aufgeregt und furchterfüllt befragte er ihn danach:

"Sag, lieber Jivaka: Kann es sein, dass Du mich hintergehst und mich meinen Widersachern ausliefern willst? Wie kann es denn sein, dass von so einer überaus grossen Mönchsgemeinde kein einziger Laut zu vernehmen ist, kein Laut des Niesens, kein Laut des Hustens, ja überhaupt kein Geräusch?!"
"Fürchte dich nicht, o Herr." antwortete Jivaka. "Ich hintergehe dich nicht, o König; ich liefere dich nicht Deinen Widersachern aus. Fern liegt mir solches Ansinnen. Geh voran, Maharaja, sieh, in der Rundhalle brennen die Lampen."

So fasste der König neuen Mut und trieb seinen Elefanten voran, bis der Weg für das Tier nicht mehr begehbar war und er deshalb absteigen und zu Fuss weitergehen musste. Nach kurzer Wegstrecke kam er bei der Rundhalle an, sah sich in der schweigenden, in der Meditation vertieften Mönchsgemeinde um, konnte jedoch den vom Volk gepriesenen Bettelmönch inmitten seiner Anhängerschar nicht erkennen. Es war ein schlichter Mann in gelbem Gewand, der sich von seinen Mönchen im Äusseren durch nichts unterschied und nur durch seine erhaben Ruhe und Ausgeglichenheit zu erkennen war. So befragte der König den Hofarzt Jivaka nach dem Erhabenen, dem Meister der Götter und Menschen und wurde von ihm an den mitten in seiner preisenden Anhängerschar sitzenden Weisen aufmerksam gemacht. So begab sich der Maharaja an die Seite des erhabenen Bettelmönchs, liess seinen Blick über die in Schweigen und Meditation verharrende Mönchsgemeinde wie über einen klaren See schweifen und sprach dann überwältigt durch den Frieden der Mönchsgemeinde:
"Vom solchem Frieden, wie ihn diese Mönchsgemeinde praktiziert, möge Udayi, mein geliebter Sohn, erfüllt werden!"

"Bist Du wohl, o Maharaja, in Frieden zu uns gekommen?" sprach ihn darauf der weise Bettelmönch an.

"Ja, Ehrwürdiger. Lieb ist mir mein Sohn Udayi. Von solchem Frieden wie die Mönchsgemeinde erfüllt ist, möge auch mein Sohn Udayi erfüllt werden."
Nachdem der Maharaja Ajatasattu und der weise Bettelmönch Gotama einander mit diesen Worten begrüsst hatten, verneigte sich der König vor der Mönchsgemeinde mit zusammengelegten Händen, setzte sich an ihrer Seite nieder und sprach den erhabenen Bettelmönch folgendermassen an: "Dürfte ich, Ehrwürdiger, den Erhabenen in einem Punkte etwas fragen, wenn mir der Erhabene die Gelegenheit zur Erläuterung meines Problems gewährt?"

"Frage, Maharaja, was immer Du wünschest." antwortete der Bettelmönch höflich.

"Wie wir, Ehrwürdiger, offensichtlich sehen können, geniessen all die verschiedenen Berufszweige - Elefantentreiber, Wagenlenker, Diener, Beamte, Weber, Färber, Köche und so weiter - schon in dieser Welt einen sichtbaren Lohn ihrer Tätigkeit. Sie verdienen Geld und Güter, befriedigen und erfreuen damit sich selbst sowie Mutter und Vater, Kind und Frau, Freunde und Gefährten. Sie leisten Spenden an Bettelmönche und Priester für himmlische Glückserfüllung und um eines höheren Zieles willen. Ist es nun möglich, Ehrwürdiger, schon in dieser Welt einen solchen Lohn für das Bettelmönchdasein festzustellen?"
"Ist Dir, o Maharaja, noch bekannt, ob Du diese Frage bereits an andere Bettelmönche und Priester gestellt hast?"

"Ja, Ehrwürdiger, ich habe diese Frage bereits an mehrere Bettelmönche und Priester gerichtet."

"Wie denn, o Maharaja, haben sie sie Dir erklärt? Wenn es Dir keine Mühe macht, dann sprich!"

"Es macht mir keine Mühe, Ehrwürdiger."

"Dann also, Maharaja, sprich!"
"Eines Tages, Ehrwürdiger, habe ich Purana Kassapa aufgesucht, habe mit ihm einen freundlichen Gruss gewechselt und meine Frage erläutert. Danach sprach Purana Kassapa folgendes zu mir:
›Was auch immer der Mensch für Taten verübt, sei es dass er schlägt oder schlagen lässt, foltert oder foltern lässt, Leben vernichtet, Nichtgegebenes nimmt, in ein Haus einbricht, Plünderung begeht, die Frau eines anderen verführt, lügenhaft redet - was auch immer er für Taten begeht, er tut damit kein Unrecht. Egal ob er tötet oder töten lässt, gibt oder geben lässt, opfert oder opfern lässt - es entsteht dadurch weder Sünde noch Verdienst. Auch durch Spendefreudigkeit, Selbstbeherrschung, Zügelung der Sinne und Wahrhaftigkeit entsteht niemals ein Verdienst und auch ist dies kein Ausdruck von Tugend.‹
So hat mir Purana Kassapa auf meine Frage nach dem sichtbaren Lohn des Bettelmönchdaseins nur die Fruchtlosigkeit der menschlichen Taten auseinandergesetzt. Auch an Makkhali Gosala habe ich mich mit meiner Frage gerichtet. Er antwortete mir folgendes:
›Es gibt, o Maharaja, keinen Grund und keine ursächliche Beziehung für die Schlechtheit der Wesen, sie verderben grundlos. Dementsprechend gibt es auch keinen Grund für die Läuterung der Wesen, sie läutern sich grundlos. Ebenso gibt es kein Ichsein und kein Nicht-Ichsein, kein Menschsein, keine Kraft, keine Stärke. Alle Lebewesen sind willenlos, kraftlos und ohne Stärke; durch Beischlaf schicksalhaft entstanden und entwickelt, empfinden sie entsprechend ihrer natürlichen Veranlagung Glück und Leid. Man kann dies weder durch Riten, Askese oder keuschen Lebenswandel ändern. Mit einem Mass bemessen sind Glück und Leid, darin gibt es weder Schwund noch Wachstum, weder Erhabenheit noch Niedrigkeit. Erst wenn alle, Toren und Weise, sämtliche Geburten durchlaufen haben, werden sie dem Leiden ein Ende machen.‹ Dies war die Antwort von Makkhali Gosala. Damit hat er mir lediglich die Reinwerdung durch den Geburtenkreislauf auseinandergesetzt und in keiner Art und Weise meine Frage beantwortet. Auch Ajita Kesakambala habe ich befragt. Seine Antwort war diese: ›Es gibt, o Maharaja, kein Ergebnis guter und böser Taten; es gibt keine diesseitige und keine jenseitige Welt; es gibt weder Mutter noch Vater und es gibt in der Welt keine Bettelmönche und Priester, die zur Vollendung gelangt sind und die rechte Auffassung haben; die selbst die diesseitige oder jenseitige Welt gesehen hätten und darüber berichten könnten. Aus den vier Grundelementen nämlich besteht der Mensch und wenn er stirbt, dann geht das Erdelement in die Erde ein, das Wasserelement in das Wasser, das Feuerelement in das Feuer, das Luftelement in die Luft und die Sinne verlieren sich im unendlichen Weltenraum. Wenn irgend jemand die Existenzlehre verkündet, so ist das die Lehre von Narren, leeres und falsches Geschwätz. Toren und Weise lösen sich beim Zerfall des Körpers auf, sie gehen zugrunde, sie sind nicht mehr nach dem Tode.‹

Mit dieser Antwort hat mir Ajita Kesakambala nur die Lehre der Auflösung erläutert, jedoch meine Frage nicht beantwortet. So habe ich die Frage auch an Pakudha Kaccayana gerichtet. Er sagte mir dies:
›Es gibt, o Maharaja, sieben Elemente. Sie sind nicht gemacht, nicht geschaffen, ohne Abmessung, starr, unbeweglich und säulenfest. So gibt es das Erdelement, das Wasserelement, das Feuerelement, das Luftelement, Glück, Leid und als siebentes das Leben ansich. Somit gibt es keine Mörder und keine, die morden lassen; keinen Hörer und keinen, der hören lässt; keinen Erkenner und keinen, der erkennen lässt und wenn jemand mit einem scharfen Schwert einen Kopf abschlägt, so hat niemand das Leben verloren, denn das Schert ist nur in die Lücke der sieben Elemente gefahren.‹
So hat mir Pakudha Kaccayana nur das Gegenteilige meiner Frage dargelegt.

Daraufhin habe ich mich mit der Frage an Nigantha Nataputta gewandt. Dies war seine Antwort:
›Das vollkommene, gezügelte und standhafte Selbst, o Maharaja, wird erreicht, wenn ein Fesselloser durch die vierfachen Zügel gebändigt und zurückgehalten wird. Und wie, o Maharaja, ist ein Fesselloser durch die vierfachen Zügel gebändigt und zurückgehalten? Ein Fesselloser enthält sich des Wassers, versagt es, schüttelt es ab und schüttet es weg. Auf solche Weise, o Maharaja, ist ein Fesselloser durch die vierfachen Zügel gebändigt und zurückgehalten.‹
Damit hat mir Nigantha Nataputta lediglich die Bändigung durch die vier Zügel erklärt, jedoch keine Antwort auf meine Frage gegeben. So habe ich auch Sanjaya Belatthiputta befragt, und er antwortete mir dies: ›Wenn Du mich fragst ob es eine jenseitige Welt gibt und mir solches bekannt wäre, so würde ich antworten, dass es eine gibt. Doch dies ist mir nicht bekannt. Vielerlei sind die Fragen: Gibt es eine jenseitige Welt? Gibt es keine jenseitige Welt? Gibt es eine Geburt aus sich selbst? Gibt es keine Geburt aus sich selbst? Gibt es ein Ergebnis guter und böser Taten? Gibt es kein Ergebnis guter und böser Taten? Gibt es sowohl ein Ergebnis als auch kein Ergebnis guter und böser Taten? Gibt es ein Fortleben nach dem Tod? Gibt es kein Fortleben nach dem Tod? Gibt es sowohl ein Fortleben als auch kein Fortleben nach dem Tod? Gibt es eine Vollendung? Gibt es keine Vollendung? Gibt es sowohl eine Vollendung als auch keine Vollendung? Wenn Du mich solches fragst und mir bekannt wäre, dass es solches gibt, so würde ich Dir antworten, dass es so ist. Doch solches ist mir nicht bekannt, womit ich Dir nicht auf diese oder eine andere Weise antworten kann, weder mit einem Nein, noch mit einem Nicht-Nein.‹
So hat mir auch Sanjaya Belatthiputta keine entsprechende Antwort gegeben und mir nur die Verwirrung auseinandergesetzt.

Keiner von all diesen Weisen hat mir auf meine Frage geantwortet, sondern lediglich etwas anderes erklärt, gerade so wie wenn man um eine Mangofrucht bittet und eine Brotfrucht ausgehändigt bekommt. So dachte ich mir, dass all diese Weisen vollkommen närrisch und betört sind, denn wie könnten sie mir sonst auf die Frage nach dem sichtbaren Lohn des Bettelmönchdaseins die Fruchtlosigkeit der Taten, die Reinwerdung durch den Geburtenkreislaufs, die Lehre der Auflösung, das Gegenteilige, die Bändigung durch die vier Zügel und die Verwirrung auseinandersetzen und erklären? So habe ich, wie es sich gehört, ihre Reden weder gelobt noch getadelt, bin unzufrieden, jedoch ohne ein Wort der Unzufriedenheit äussernd, von meinem Sitz aufgestanden und fortgegangen und habe dem Ganzen keine weitere Bedeutung beigemessen. Nun, Ehrwürdiger, frage ich auch den Erhabenen: Ist es möglich schon in dieser Welt einen sichtbaren Lohn des Bettelmönchdaseins festzustellen?"

"Ja, Maharaja, es ist möglich!" antwortete der Bettelmönch. "Um Deine Frage zu beantworten, werde ich Dich zuerst etwas fragen. Du magst darauf antworten, wie es Dir recht erscheint. Was meinst Du, Maharaja? Angenommen Du hättest einen Diener oder Sklaven, der stets vor Dir aufsteht und sich nach Dir niederlegt, der freundlich und liebenswürdig wäre. Dieser würde denken, dass die Wege des Verdienstes doch wunderbar seien, denn Du, Maharaja, kannst all Deine Sinne in vollen Zügen geniessen, während er, der Diener, ihrer nicht teilhaftig ist. So beschliesst er Deine Verdienste auch zu erwerben, schert zu diesem Zweck Haupthaar und Bart und zieht mit einem gelben Gewand bekleidet in die Hauslosigkeit hinaus. So hinausgezogen wandelt er mit selbstbeherrschtem Körper, mit selbstbeherrschter Sprache und mit selbstbeherrschtem Geist, mit einem Mindestmass an Nahrung und Kleidung zufrieden und an der Einsamkeit Freude empfindend. Dann würden Dir Deine Leute von diesen Diener oder Sklaven berichten, sie würden Dir erzählen, wie der ehemalige Diener mit geschorenem Haupthaar und Bart mit selbstbeherrschtem Körper, Geist und selbstbeherrschter Sprache durch die Lande wandelt, mit einem Mindestmass an Nahrung und Kleidung zufrieden und an der Einsamkeit Freude empfindend. Würdest Du dann, Maharaja, etwa sagen: ›Herkommen soll der Mann, er soll wieder Diener sein, vor mir aufstehend und nach mir sich niederlegend!?‹"

"Aber nein, Ehrwürdiger! Wir würden ihn begrüssen, uns vor ihm erheben und ihm zum sitzen einladen. Wir würden ihm auch Kleidung, Essen und eine Lagerstatt anbieten sowie im Falle einer Krankheit medizinische Behandlung."

"Was meinst Du, Maharaja? Wenn dem so ist, gibt es einen sichtbaren Lohn für das Bettelmönchdasein oder gibt es ihn nicht?"

"Tatsächlich, Ehrwürdiger, da es so ist, gibt es einen sichtbaren Lohn des Bettelmönchdaseins."

"So ist Dir, Maharaja, also zum ersten Mal der sichtbare Lohn des Bettelmönchdaseins mitgeteilt worden."

"Ja, so ist es, Ehrwürdiger. Ist es nun aber möglich noch einen anderen sichtbaren Lohn festzustellen, der höher und erhabener ist als der bisher festgestellte?"

"Es ist sehr wohl möglich, Maharaja! Höre und achte darum darauf, was ich Dir nun sagen werde!"

"So soll es sein, Ehrwürdiger!" sprach Maharaja Ajatasattu zum Bettelmönch. Der Bettelmönch sprach darauf folgendes:

"Stell Dir vor, o Maharaja, dass da ein Vollendeter ins Dasein tritt, ein mit rechtem Wissen und rechtem Wandel ausgestatteter, ein unübertrefflicher Lenker der zu zähmenden Menschen, ein Meister der Götter und Menschen, ein Erwachter, ein Erhabener. Dieser erklärt die Welt der Götter, der Priester und der Bettelmönche, nachdem er sie selbst erfasst und erfahren hat. Er verkündet seine Lehre, die absolutes Heil verspricht; legt den absolut vollkommenen, reinheitsdurchdrungenen und heiligen Wandel dar. Diese Lehre wird dann von einem Menschen gehört, wonach er zu diesem Vollendeten vertrauen fasst und für sich denkt, dass das Hausleben beengt ist, dass es ein Schmutzplatz ist, wogegen die Pilgerschaft ein freier Raum ist. So zieht er dann später mit geschorenem Haupthaar und Bart seinen gesamten Besitz verlassend vom Hausleben in die Hauslosigkeit hinaus. So weilt er dann in Selbstzucht gezügelt, in Verhalten und Wandel vollkommen, erkennt bereits in den winzigsten Fehlern Gefahr und weilt tugenderfüllt als Hüter seiner Sinne, von Aufmerksamkeit und Bewusstsein erfüllt, zufrieden.

Wie nun, o Maharaja, ist der Mönch tugenderfüllt? Er hat es aufgegeben Leben zu vernichten. Er hat den Stock, das Schwert niedergelegt, verhält sich freundlich, bescheiden und zu allen Lebewesen liebevoll und mitleidig. Das Nehmen von Nichtgegebenem hat er aufgegeben. Gegebenes nimmt er, nicht diebisch wandelt er in rein gewordenem Selbst. Unheiligen Wandel hat er aufgegeben, dem Bösen und den gewöhnlichen Trieben hat er entsagt. Lüge hat er aufgegeben, er spricht die Wahrheit, ist wahrhaftig, standhaft, vertrauenswürdig. Verleumderische Rede hat er ebenfalls aufgegeben. Was er an einem Ort gehört hat, teil er nicht an einem anderen mit, um die Menschen zu entzweien. Er ist ein Einiger der Entzweiten, denn über Eintracht ist er froh, empfindet sie als Wonne und spricht Worte, die die Wesen zur Eintracht führen. Barsche Rede hat er auch aufgegeben. Er spricht dem Ohr angenehme, liebevolle und höfliche Worte, spricht den Menschen in die Herzen und erfreut sie. Auch lockeres Geplapper hat er aufgegeben. Er spricht zur rechten Zeit, er spricht tatsachengemäss und sinnvoll, er redet eine gehaltene Sprache, die von einer Beweisführung begleitet, thematisch klar umgrenzt und ihrem Gegenstand angepasst ist. Dem Essen zur Unzeit hat er entsagt, einmal pro Tag isst er, nachts fastet er. Tanz, Gesang, Instrumentalmusik und Schaustellungen hat er ebenfalls entsagt sowie der Verwendung von Wohlgerüchen, Salben, Putz und Schmuck und einer grossen und bequemen Lagerstatt. Der Entgegennahme von Geld, Gold und Silber hat er entsagt sowie der Entgegennahme von Sklaven und Sklavinnen, Frauen und Mädchen, Schafen und Ziegen, Hühnern und Schweinen, Elefanten, Rindern und Pferden und Feldern und Anwesen. Der Ausführung von Botengängen hat er entsagt sowie dem Kauf und dem Verkauf. Falschem Gewicht, falscher Münze und falschem Mass hat er entsagt sowie der Bestechung, des Betrugs und der Täuschung. Auch dem Zerstören, Töten, Gefangennehmen, der Wegelagerei, Plünderung und Gewaltanwendung hat er entsagt.

So betreibt der Mönch keine Vorratswirtschaft, nämlich Speisevorrat, Getränkevorrat, Kleidervorrat, Vorrat an Transportmitteln, Lagerstätten, Parfüms und Delikatessen und so weiter. Einer solchen Vorratswirtschaft hat er entsagt. Auch besucht der Mönch keine Schaustellungen, nämlich Gesang, Instrumentalmusik, Schauspiel, Geschichtenerzählen, Zauberei, Ballspiel, Flötenspiel, Akrobatik, Hahnenkampf, Stockkampf, Boxkampf, Aufmarsch eines Heeres, Frontbesichtigung und so weiter. Ebenfalls enthält sich der Mönch des Spielens, nämlich des Brettspiels, Würfelspiels, Hüpfspiels, Stöckchenspiels, Wurfspiels und so weiter. Dem Spieltrieb hat er entsagt. Weiter enthält sich der Mönch der Bequemlichkeit, nämlich den Sesseln, Wollteppichen, Wolldecken, Matratzen, Zierdecken, Seidendecken, Sofadecken aus Antilopenfell. Solcherart Bequemlichkeiten hat er aufgegeben. Auch des Schmucks und des Putzes enthält er sich, nämlich des Einsalbens, Abreibens, Frottierens, der Verwendung von Spiegeln, Salben, Toilettenartikeln, Puder, Schmuckstücken, Armbändern, Stirnbändern, bunten Sandalen, Turbanen, Juwelen, Fächern, weissen Gewändern und so weiter. Solcherart Anwendung von Schmuck und Putz hat er entsagt. Der tierischen Rede enthält sich der Mönch ebenfalls, nämlich der Rede über einen König, über einen Dieb, über einen Grossminister, Rede über ein Heer, über Furcht, über eine Schlacht, über Essen, über Trank, über Kleidung, über die Lagerstatt, über Wohlgerüche, über Verwandte, über ein Fahrzeug, über ein Dorf, über eine Frau, über den Branntwein, über die Totengeister, über Volksgeschichten, Seegeschichten, darüber, wie etwas so oder nicht so wurde. Solcherart Rede hat er aufgegeben. Auch der streitsüchtigen Rede enthält er sich, nämlich: ›Nicht Du kennst die Lehre und die Zucht, ich allein kenne die Lehre und Zucht. Was wirst Du schon diese Lehre und Zucht verstehen! Auf dem falschen Pfad bist Du, ich jedoch auf dem richtigen. Gelungen ist es mir allein, Dir jedoch nicht‹ - diese Art streitsüchtiger Rede hat der Mönch aufgegeben. Ebenfalls der Schwätzerei und Betrügerei hat der Mönch entsagt; der Wahrsagerei, Gaukelei und der Gier des Gewinnes. Solcherlei hat er entsagt. Auch die unlautere Wissenschaft hat er aufgegeben, nämlich der Deutung von Kennzeichen, Vorzeichen, Anzeichen, Träumen, Merkmalen und Mauselöchern. Auch betreibt er keine Feueropfer, Reisopfer, Butteropfer, Ölopfer und Blutopfer sowie keinen Gliederzauber, Giftzauber, Hauszauber, Feldzauber, Segenzauber und keine Dämonenbeschwörung, Schlangenbeschwörung und keine Deutung von Krähenschreien um das Lebensalter vorauszusagen. Den Lebensunterhalt durch unlautere Wissenschaft zu bestreiten hat er auch aufgegeben, nämlich das Anbringen von Zeichen an Stöcken, an Kleidern, an Schwertern, an Pfeilen, an Bogen, an Waffen überhaupt, Zeichen an Frauen, an Männern, an Knaben, an Mädchen, an Sklaven, an Elefanten, an Pferden, an Büffeln und so weiter. Ebenfalls die Bestreitung des Lebensunterhalt durch Wahrsagerei betreibt er nicht. Er wird keine Kriege und keinen Frieden voraussagen, keine gute oder schlechte Regenzeit, keine gute oder schlechte Gesundheit und so weiter. Solcherart unlauterer Bestreitung des Lebensunterhalts hat er entsagt.

Nun, o Maharaja, dieser Mönch, vorbildlich mit Tugend ausgestattet, muss keine Gefahr von nirgendwoher fürchten, denn er ist ja mit Tugend gerüstet. Das ist gerade so wie ein Maharaja seinen Feind samt seinem Heer niedergeworfen hat. Dieser Maharaja muss von keiner Seite her Gefahr fürchten, denn er war ja siegreich und sein Feind ist unterworfen. Genau so hat der Mönch seine Untugend niedergeworfen und empfindet dadurch ein makelloses, persönliches Glück. So also, Maharaja, ist ein Mönch mit Tugend ausgestattet.

Und wie nun, o Maharaja, ist der Mönch Hüter seiner Sinne? Wenn der Mönch mit seinem Auge eine Form erblickt, werden seine Sinne nicht erregt, er kümmert sich nicht um Einzelheiten des Gesehenen. Da über den, der die Sinne nicht zu zügeln pflegt Gier und Unmut, böse und unreine Gedanken die Überhand gewinnen, befolgt er dessen Zügelung, hütet die Sinne und befasst sich mit deren Zügelung. Hat er mit dem Gehör einen Laut vernommen; mit dem Geruchssinn einen Duft gerochen; mit der Zunge einen Geschmack geschmeckt; mit dem Körper eine Berührung getastet; mit dem Geist eine Erscheinung erkannt - seine Sinne werden dabei nicht erregt. So ist der Mönch der Hüter seiner Sinne. Und wie, o Maharaja, ist ein Mönch mit Wachsamkeit und Selbstbeherrschung ausgestattet? Der Mönch ist beim Kommen und Gehen mit Wachsamkeit vorgehend sowie beim Hinschauen und Wegschauen, Bücken und Bewegen, beim Tragen des Gewandes und der Almosenschale, beim Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, beim Urinieren und beim Stuhlgang, beim Gehen, Stehen, Sitzen, Schlafen und Wachen, beim Sprechen und Schweigen. So ist, o Maharaja, der Mönch mit Wachsamkeit und dadurch mit Selbstbeherrschung ausgestattet. Und wie, o Maharaja, ist ein Mönch zufrieden? Der Mönch ist zufrieden mit dem den Körper einhüllenden Ordensgewand und mit der den Magen einhüllenden Almosenspeise. Wohin er sich auch begibt, nur damit geht er auf Wanderschaft. Genau so wie ein gefiederter Vogel: wohin er auch fliegt, er nimmt nur seine Federn mit sich.

Befolgend diese edle Tugendsatzung, Sinneszügelung, Wachsamkeit, Selbstbeherrschung und Genügsamkeit, begibt er sich an einen abgelegenen Ort wie in einen Wald, an die Wurzeln eines grossen Baums, in eine Felsenhöhle oder in eine Gebirgsschlucht. Dort setzt er sich mit gekreuzten Beinen und aufrechtem Körper hin und errichtet vor den Sinnesobjekten einen Schutzwall der Wachsamkeit. Damit hat er seinen Sinn von der weltliche Gier gereinigt und sie aufgegeben, in einem von Begierde freien Gemüt verharrt er. Übeltat und Sünde hat er damit aufgegeben und verharrt mit allen Lebewesen und Geschöpfen in einer freundlichen, liebevollen und mitleidigen Beziehung. Ebenfalls Gleichgültigkeit und Trägheit hat er aufgegeben sowie Unwillen, Unmut und Zweifel. Dadurch empfindet er Freude, gerade wie ein verschuldeter Geschäftsmann, der seine Schulden tilgen konnte; ein Kranker, der Genesung gefunden hat; ein Häftling, der von seiner Fessel entkommen konnte oder ein Sklave, der von der Sklaverei erlöst wurde. Ebenso betrachtet der Mönch die fünf nicht beseitigten Hindernisse auf dem Weg zur Vollkommenheit, nämlich als Schuld, Krankheit, Gefängnis oder Sklaverei, und gerade so wie Schuldentilgung, Genesung, Befreiung aus der Fessel und Freilassung aus der Sklaverei betrachtet der Mönch diese fünf Hindernisse, wenn er sie nicht beseitigt hat. Hat er jedoch diese Hindernisse beseitigt, entsteht Freude und Heiterkeit. Dem Heiteren kommt der Körper zur Ruhe und daraus erwächst die Glückseligkeit, worauf sich dem Glückseligen die Gedanken ordnen. So verharrt er mit Andacht, mit Überlegung, fern von Begierden und fern von unheilvollen Gedanken, so dass die einsamkeitsgeborene, freudlose Glückseligkeit den gesamtem Körper durchfliesst und erfüllt. Dies nun, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber dem vorher aufgezeigten hervorragender und erhabener ist.

So verharrt der Mönch nach der Aufgabe des Glücks sowie des Leides gesammelten Sinnes, vollkommen rein, vollkommen geläutert, fleckenlos, makelgetilgt, geschmeidig, agil und fest. Alsdann richtet er den vollkommen geläuterten und makellosen Sinn auf die Erschaffung eines geistigen Körpers aus seinem materiellen Körper, mit allen Gliedern, jedoch mit übermenschlichen Sinnesfähigkeiten versehen. Diese Fähigkeiten verwirklicht er auf verschiedene Arten: Ein Einziger geworden, wird er vielfach; vielfach geworden, wird er wieder ein Einziger; er vermag zu erscheinen und zu verschwinden; durch Mauern, durch Wälle, durch Berge geht er wie durch Luft, ohne steckenzubleiben; auf Wasser geht er wie an Land, ohne zu sinken; in der Luft bewegt er sich sitzend voran wie ein Vogel; den Mond und die Sonne, diese so Grossmächtigen, ergreift und berührt er mit seiner geistigen Hand; selbst bis zu den Welten der Götter bewegt er seinen geistigen Körper. Dies, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten noch hervorragender und erhabener ist.

Weiter richtet er den vollkommen geläuterten und makellosen Sinn auf die himmlische Hörkraft und hört so beide Töne, menschliche und himmlische, entfernte und nahe. Auch dies, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten hervorragender und erhabener ist. Auch richtet er den vollkommen geläuterten und makellosen Sinn auf die Charaktererkenntnis. Der anderen Wesen Herz mit dem Herzen erforscht habend, erkennt er die leidenschaftlichen Gemüter, die leidenschaftslosen Gemüter, die gehässigen Gemüter, die hasslosen Gemüter, die verblendeten Gemüter, die aufmerksamen Gemüter, die unaufmerksamen Gemüter, die hochstrebenden Gemüter, die gemeinen Gemüter, die edlen Gemüter, die unedlen Gemüter, die gesammelten Gemüter, die flatterhaften Gemüter, die erlösten Gemüter und die unerlösten Gemüter. Dies nun, o Maharaja, ist ein weiterer sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten hervorragender und erhabener ist.

Ebenfalls richtet er sein vollkommen geläutertes und makelloses Gemüt auf die Erkenntnis der früheren Existenzen. Er erinnert sich an eine Geburt, an zwei Geburten, an drei Geburten bis hin zur unendlichen Geschlechterfolge; er erinnert sich an einige Zeitalter der Weltentstehung, des Weltuntergangs. Er wird sich an seine Aufenthaltsorte früherer Existenzen erinnern, von welchem Geschlecht er war, was sein Beruf war, welche Freuden und Leiden ihn heimsuchten, wie er das Leben beendete und wie er zur Wiedergeburt gelangte. Dies nun, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten noch hervorragender und erhabener ist.

Dann richtet er sein vollkommen geläutertes und makelloses Gemüt auf die Erkenntnis des Entstehens und Vergehens der Wesen. Mit dem geläuterten himmlischen Auge sieht er Wesen entstehen und vergehen, verkommene und hervorragende, schöne und hässliche, glückliche und unglückliche. Wie die Wesen je nach ihren Taten wieder in Erscheinung treten, erkennt er, dass diejenigen, die von bösem Wandel sind, nach ihrem Tod auf einen üblen Weg, ins Unglück, ins Verberben gelangen und diejenigen, die guten Wandels sind, nach dem Zerfall des Körpers auf einen guten Weg, ins Glück gelangen. Dies nun, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten noch hervorragender und erhabener ist.

Weiter richtet er sein vollkommen geläutertes und makelloses Gemüt auf die Erkenntnis der Beseitigung des Leidens und der hemmenden Einflüsse. Damit erkennt er das Leiden, die Leidensentstehung, die Leidensvernichtung und der zur Leidensvernichtung führende Pfad sowie die hemmenden Einflüsse, die Entstehung dieser Einflüsse, deren Vernichtung und der zur Vernichtung der hemmenden Einflüsse führende Pfad. So befreit sich der Mönch vollständig vom Einfluss der Begierde, vom Werden, vom Einfluss des Nichtwissens, und er erkennt, dass die Geburt beseitigt, der heilige Wandel vollendet ist und dass es nichts Folgendes auf sein jetziges Dasein gibt. Dies nun, o Maharaja, ist ein sichtbarer Lohn des Bettelmönchdaseins, der gegenüber den vorher aufgezeigten der hervorragendste und erhabenste ist.

Einen anderen, höheren oder erhabeneren Lohn des Bettelmönchdaseins als die bisher aufgezeigten gibt es jedoch nicht, o Maharaja." Nachdem der Bettelmönch dem Maharaja all dies erläutert hatte, antwortete der König voller Begeisterung folgendes:

"Ausgezeichnet, o Herr; ausgezeichnet, o Herr! Es ist gerade so als ob Umgestürztes aufgerichtet wurde, Verborgenes enthüllt wurde; als wenn man einem Verirrten den Weg gezeigt hatte. Wunderbar ist Eure Lehre! Heil und Glück vermittelt sie! Aus diesem Grund nehme ich als Laienanhänger zeitlebens Zuflucht zum Erhabenen, zur Lehre und zur Mönchsgemeinde. Nun will ich als Bekenntnis und Zügelung meiner Selbst ein Vergehen bekennen, das ich als unreifer, betörter und boshafter Mensch verübt hatte: Ich hatte meinen Vater, den Tugendkönig, um der Herrschaft, der Macht willen umgebracht, ihm das Leben geraubt, so dass ich selber Maharaja wurde."

"Es ist so, wie Du sagst, Maharaja. Dich hat tatsächlich ein Vergehen überkommen. Wie ein Unreifer, ein Betörter, ein Boshafter hast Du deinen Vater, den tugendvollen König, umgebracht. Da Du nun aber das Vergehen auch als Vergehen betrachtest und Du Deiner Schuld bewusst bist, - so wie es sich gehört - Dich auf dem Weg der Besserung und des Fortschritts befindest, nehmen wir Dein Bekenntnis an."

Nachdem dies gesprochen war, antwortete der Maharaja Ajatasattu dem Bettelmönch Gotama folgendes:

"Wohlan, wir haben viele Pflichten und viele Aufgaben. Wir gehen jetzt, o Herr."

Daraufhin erhob sich der Maharaja, von der Rede des Bettelmönchs erfreut und befriedigt, von seinem Sitz, grüsste den Mönch, machte rechtsum kehrt und ging fort. Der Bettelmönch derweil blieb für einen Moment nachdenklich sitzen und sprach dann alsbald zu seinen Mönchen:

"Entwurzelt, vernichtet, o Mönche, ist dieser König! Hätte er seinen Vater, den gerechten Tugendkönig, nicht umgebracht, wäre in ihm noch auf diesem Sitz das staublose, unbefleckte Auge für die Lehre entstanden."