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Buch -- Rad fahren und Nirwana
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Bei der Toilette

So viele Jahre lebt ich fern der Welt,
Fremd diesem Markt der Weiber und Genüsse,
Wild, ungepflegt, und auf mich allein gestellt,
Bruder der Bäume, Freund der Seen und Flüsse.
Jetzt lern ich Abende damit vertun,
Frisur, Krawatte, Hemd und Haut zu pflegen,
Im Smoking auszugehen und blanken Schuhn,
Am Boy vorbei, der Tanzmusik entgegen.

Im Spiegel seh ich lächeln mein Gesicht,
Ein wenig müd, ein wenig grauer, bleicher,
Ein wenig böser auch und faltenreicher.
Einst war das Auge klar, die Stirne licht,
Wange und Lippe lachender und weicher,
Da braucht ich Puder und Pommade nicht.

Nun, altes Männlein, kämme hübsch den Scheitel,
Rasier dich gut und schlüpf ins Abendhemd!
All dein Bemühn ist doch vermutlich eitel,
Du bleibst doch in dieser Welt immer fremd.
Und einmal wird der Wald zurück dich reissen,
Der Bach, der Regen, Sterne, Berge, Seen,
Du wirst den hübschen Plunder von dir schmeissen
Und noch einmal die alten Wege gehn,
Wirst wieder wandern, schweifen, schauen dürfen,
Den Becher Einsamkeit zu Ende schlürfen
Und sterben in der Wildnis ungesehn.

Inhalt


Soirée

Man hatte mich eingeladen,
Ich wusste nicht warum;
Viel Herren mit schmalen Waden
Standen im Saal herum.

Es waren Herren von Namen
Und von gewaltigem Ruf,
Von denen der eine Dramen,
Der andre Romane schuf.

Sie wussten sich flott zu betragen
Und machten ein gross Geschrei.
Da schämte ich mich zu sagen,
Dass ich auch Dichter sei.

Inhalt


Der Heiland

Immer wieder wird er Mensch geboren,
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren.

Immer wieder muss er einsam ragen,
Aller Brüder Not und Sehnsucht tragen,
Immer wird er neu ans Kreuz geschlagen.

Immer wieder will sich Gott verkünden,
Will das himmlische ins Tal der Sünden,
Will ins Fleisch der Geist, der ewige, münden.

Immer wieder, auch in diesen Tagen,
Ist der Heiland unterwegs, zu segnen,
Unsern Ängsten, Tränen, Fragen, Klagen
Mit stillen Blicke zu begegnen,
Den wir doch nicht zu erwidern wagen,
Weil nur Kinderaugen ihn ertragen.

Inhalt


Betrachtung

Ich bin einmal ein Dichter gewesen,
Jetzt kann ich nur noch Knittelverse machen,
Die Leute, die sie lesen,
Schimpfen darüber oder lachen.
Ich war einmal ein Weiser und wusste viel,
Ich war schon ganz nahe am Ziel,
Nun bin ich wieder ein Narr geworden,
Fange wieder von vorne an,
Vielleicht werde ich noch brennen und morden,
Wie es im Krieg die Helden getan.
Es war mir nicht bestimmt,
Etwas ordentliches zu werden,
Das Leben ist schwer auf Erden;
Schon meine Schullehrer haben gewusst,

Diesem bösen Ende entgegen
Lockt mich die Stimme in meiner Brust,
Die singt so dunkel und macht mir Lust,
Mich auf die Eisenbahnschienen zu legen.
So schlimm wie das Leben kann der Tod nicht sein,
Denn gar manche Leute nahmen sich das Leben;
Aber niemals fiel es einem Toten ein,
Wieder sich den Tod zu nehmen,
Er müsste sich ja schämen.
Nein, in den Tod ging schon mancher freiwillig hinein,
Aber noch keiner in das Leben.

Inhalt


Wache Nacht

Bleich blickt die föhnige Nacht hinein,
Der Mond im Wald will untergehn.
Was zwingt mich doch mit banger Pein
Zu wachen und Hinauszusehn?

Ich hab geschlafen und geträumt;
Was hat mir mitten in der Nacht
Gerufen und so bang gemacht,
Als hätt ich wichtiges versäumt?

Am liebsten liefe ich vom Haus,
Vom Garten, Dorf und Lande fort
Dem Rufe nach, dem Zauberwort,
Und weiter und zur Welt hinaus.

Inhalt


Leb wohl, Frau Welt

Es liegt die Welt in Scherben,
Einst liebten wir sie sehr,
Nun hat für uns das Sterben
Nicht viele Schrecken mehr.

Man soll die Welt nicht schmähen,
Sie ist so bunt und wild,
Uralte Zauber wehen
Noch immer um ihr Bild.

Wir wollen dankbar scheiden
Aus ihrem grossen Spiel;
Sie gab uns Lust und Leiden,
Sie gab uns Liebe viel,

Leb wohl, Frau Welt, und schmücke
Dich wieder jung und glatt,
Wir sind von deinem Glücke
Und deinem Jammer satt.

Inhalt


Brief von einer Redaktion

"Wir danken sehr für Ihr ergreifendes Gedicht,
Das uns so tiefen Eindruck hinterlassen hat,
Und wir bedauern herzlich, dass es nicht
So recht geeignet scheint für unser Blatt."

So schreibt mir irgendeine Redaktion
Fast jeden Tag. Es drückt sich Blatt um Blatt.
Es riecht nach Herbst, und der verlorne Sohn
Sieht deutlich, dass er nirgends Heimat hat.

Für mich allein schreib ich denn ohne Ziel,
Der Lampe auf dem Nachttisch les ich's dann vor.
Vielleicht leiht auch die Lampe mir kein Ohr.
Doch gibt sie hell, und schweigt. Das ist schon viel.

Inhalt


Absage
Als Antwort auf einige Anfragen, warum ich mich nicht
auf die Seite der Kommunisten stelle


Lieber von einem Faschisten erschlagen werden
Als selber Faschist sein!
Lieber von einem Kommunisten erschlagen werden
Als selber Kommunist sein!

Wir haben den Krieg nicht vergessen. Wir wissen,
Wie das berauscht, wenn man Trommel und Pauke rührt.
Wir sind taub, wir werden nicht mitgerissen,
Wenn ihr das Volk mit dem alten Rauschgift verführt.
Wir sind weder Soldaten noch Weltverbesserer mehr,
Wir glauben nicht, dass "an unserem Wesen
Die Welt müsse genesen".
Wir sind arm, wir haben Schiffbruch gelitten,
Wir glauben alle an die hübschen Phrasen nicht mehr,
Mit denen man uns in den Krieg gepeitscht und geritten -
Auch die Euren, rote Brüder, sind Zauber und führen zu Krieg und Gas!

Auch Eure Führer sind Generäle,
Kommandieren, schreien und organisieren,
Wir aber, wir hassen das,
Wir trinken den Fusel nicht mehr,
Wir wollen Herz und Vernunft nicht verlieren,
Nicht unter roten noch weissen Fahnen marschieren.
Lieber wollen wir einsam als "Träumer" verderben
Oder unter Euren blutigen Brüderhänden sterben,
Als irgend ein Partei- und Machtglück geniessen
Und im Namen der Menschheit auf unsere Brüder schiessen!

Inhalt


Kennst du das auch?

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

Dann legst du dich auf das Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt - Kennst du das auch?

Inhalt

Alle Gedichte sind dem Buch "Hermann Hesse: Die Gedichte" entnommen, erschienen im Suhrkamp Verlag.