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Buch -- Rad fahren und Nirwana
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Strand der Lofoten, Norwegen



Aufzeichnungen von Selbstgesprächen auf einer Radtour durch Lappland


|Fotos zum Reisebericht|


Ernst Christen, Buchautor und Fotograf, reiste per Fahrrad Tausende von Kilometer durch die menschenleeren Landschaften Lapplands auf der Suche nach sich selbst und entdeckte in der Tundra, den Wäldern und Fjorden ein Paradies auf Erden, in dem Natur und Poesie ineinander verschmelzen

Wohl auf, Ernesto, du bist doch gar nicht allein. Heute hast du doch immerhin schon zwei Elche gesehen. Wir haben uns einen Augenblick lang angesehen, einen Moment lang bestaunt und gemustert, mit Neugier und ängstlichem Respekt beiderseits. Nein, du bist nicht allein. Es mag vielleicht noch weit sein bis zum nächsten Dorf, bis zum nächsten Posten der Zivilisation, doch allein bist du hier in diesen Wäldern sicher nicht. Erfreue dich an der weiten und unendlichen Landschaft! Lass die Seele sich laben daran! Wo sonst erscheint einem denn das Leben noch derart einfach und ohne Sinn? Was ist denn schon Zivilisation? Brauchst du so viel davon? Gestern, in der letzten Kneipe, in der du einen Kaffee trankst, ja, da war Zivilisation: Man trank viel Bier, rauchte, schaute sich im Fernseher ein Autorennen an und trank noch mehr Bier. Nein, schau dich doch mal um! Du bist mit deinem Fahrrad mit dir allein in den unendlichen Wäldern Lapplands, triffst Elche, Füchse und Rentiere, du hast etwas zu essen mit dir und hast Kleidung, die dich vor Kälte, Sonne und Moskitos schützt und für die Nacht, zum Schlafen, hast du im Zelt sogar einen geschützten Platz auf sicher. Mehr brauchst du nun wirklich nicht!
Zurück in der Natur,
Freiheit und Weite pur,
Des Lebens Sinnlosigkeit
Seh ich voller Zufriedenheit.
Berge, Sonne, weites Meer,
Es jauchzt frei von Schwer
In Fjord und dunklem Wald
Die Seele ohne Vorbehalt.
Und plötzlich fragst du dich, warum du eigentlich seit Wochen mit dem Rad durch Lappland fährst, jeden Tag bis zu 10 und mehr Stunden strampelst und Tausende von Kilometern zurücklegst. Ja, Ernesto, warum eigentlich? Andere verbringen ihren Urlaub am Strand, geniessen das Leben, frönen gutem Essen, edlem Wein, räkeln sich in der Sonne, frönen dem Rausch der Sinne in vollen Zügen. Und du? Du lädst grosse Strapazen auf dich und reist mit deinem Rad durch menschenleere Gegenden. Aber Sinnesgenuss hat dir ja noch nie viel bedeutet, denn der verblasst zu schnell. Schon nach kurzer Zeit verflüchtigt sich die gewonnene Freude und nährt den Wunsch nach mehr und mehr. Eine Befriedigung, das eigentliche Ziel des Sinnengenusses, kann sich ja daher gar nie einstellen. Wie sollte sie auch? Der Wunsch nach mehr ist der Befriedigung stets um eine Ellenlänge voraus.
Es ist doch eigentlich merkwürdig: Du wendest für deine Reisen enormes an körperlicher und geistiger Kraft auf, doch die Quelle der Kraft wird nicht schwächer, nein, im Gegenteil, sie sprudelt und fliesst kräftiger und quirliger denn je, wächst tagtäglich. Denn Abends, nach vielen Stunden harter Arbeit auf dem Rad und vielen unvermittelbaren und einmaligen Eindrücken legst du dich hin ohne noch irgendwelche Verlangen oder Wünsche zu verspüren. Du bist dann jeweils wunschlos. Im wahrsten Sinn des Wortes befriedigt, du spürst Frieden in dir. Ein Nichts ist dagegen gutes Essen und edler Wein, ein Nichts all der Sinnengenuss! Jetzt weisst du, warum du all die Strapazen auf dich nimmst! Du verbrauchst nicht Lebenskraft, nein, du gewinnst sie. Du bis es, der das Leben in vollen Zügen geniesst, nicht der am Strand.
Weit von Dorf und Stadt,
Allein, ohne Kamerad,
Kommt Einsamkeit auf.
Da sag ich doch: Glückauf!
Krank sind wir!
Leben voller Gier,
Sehen all die heilige Kraft
Und zerstören sie gewissenhaft.
Was ist denn heute los mit dir? Wo ist deine Motivation, wo deine Kraft? Du gibst dem Regen und der Kälte die Schuld für deine Launen. Gut, zugegeben, gestern regnete es derart, dass es grotesk erschien Wasser auch noch zu trinken und abends, als du dich bei aufklarendem Himmel in einem See gebadet hattest, fragtest du dich mit gutem Recht, ob denn so viel Wasser für den Menschen überhaupt noch zuträglich sei. Lass es jedoch gut sein, Ernesto! Lass sein die Nörgelei! Das Leben ist nicht nur eitel Sonnenschein. Und kommst du denn aus widrigen Umständen nicht stets gestärkt hervor? Mach die Augen auf! Siehst du denn die Poesie der Natur, die dich auch im Regen umgibt, nicht mehr? Tausende von Quadratkilometern naturbelassene Landschaft, nichts ist hier durch Industrie verschmutzt, Bäche, Flüsse und Seen führen reinstes Trinkwasser und sag mal: hattest du hier jemals Probleme mit dem Asthma, das dich Zuhause in der Zivilisation tagtäglich quält? Nein! Du bist umgeben von der edelsten und schönsten Poesie, die es gibt: Natur pur. Noch nie seit Menschengedenken konnte ein Dichter die Schönheit der Natur angemessen in Worte übersetzen. Was ist schon Eichendorffs "Mondnacht"? Goethes "Zueignung"? Martís "Cultivo una rosa blanca"? Selbst die grössten und verehrtesten Dichterfürsten der Menschheit kreierten in ihren heiligsten Sternstunden höchstens einen billig erscheinenden Abklatsch dieser mich umgebenden Schönheit. Lass es also gut sein Ernesto! Öffne dich und lass die göttliche Poesie durch dich hindurchfliessen!
Durchs Unendliche mit dem Rad,
Fern von jedem Diktat,
Die Seele wird frei
Und bar jeder Zänkerei.
Zurück in der Zivilisation,
Fern jeglicher Illumination,
Des Lebens Triebhaftigkeit
Seh ich voller Verlogenheit.
Nun bist du wieder zurück in der Zivilisation, hast Lappland verlassen und bist in die grossen Städte Skandinaviens gekommen. Hast du in den Überfluss in den Supermärkten bemerkt? Er ist ja wohl nicht zu übersehen. Jeden Artikel gibt es in zigfacher Ausführung. Lebensmittel, die zu Tonnen in den Regalen verderben und dann in einer Kehrichtverbrennungsanlage landen. Das muss wohl Marktwirtschaft sein. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Eine sinnvolle Angelegenheit! Die Samen, die Eingeborenen Lapplands, haben völlig Recht, dass sie sich von unserer wirtschaftlichen Völlerei abgrenzen und ihren eigenen Weg suchen. Und du, Ernesto? Such auch du deinen eigenen Weg! Ja, du weisst, du musst zurückkehren in die Welt der Völlerei und Dekadenz, du musst wieder arbeiten gehen und Geld verdienen. Du wirst für viele Zeit fern der Poesie der Natur leben müssen. Zum Glück hast du die Quelle der Lebenskraft in dir freigelegt und kannst nun aus ihr schöpfen.